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Was bedeutet es eigentlich #russlanddeutsch zu sein?

Im Zuge der Bundestagswahl 2017 rückten russlanddeutsche (Spät-) Aussiedler*innen in den Fokus der medialen Berichterstattung und wurden dabei häufig als Stammklientel der AfD beschrieben. In Artikeln wie „ Rechtsruck in Klein-Moskau", „ Ist die AfD die neue Heimat für Russlanddeutsche?" oder „ AfD, die Partei der Russlanddeutschen?" wurden häufig Stadtteile, in denen viele Russlanddeutsche wohnen und überdurchschnittlich viele von ihnen die AfD wählten, als symptomatisch für die gesamte russlanddeutsche Gemeinschaft dargestellt. Obwohl der Stereotyp mittlerweile widerlegt wurde, wirkt das Bild der AfD-wählenden Russlanddeutschen weiterhin.

Die unreflektierte und unpräzise Auseinandersetzung mit dieser Bevölkerungsgruppe nahm aus unserer Sicht zum Teil diffamierende Züge an. Wir sind davon überzeugt, dass diese Darstellung nicht angemessen ist. Wir gehen davon aus, dass eine Vielfalt politischer Meinungen und Ansichten auch unter Russlanddeutschen vorhanden ist. In der medialen Berichterstattung wurde bislang zumeist nur über Russlanddeutsche gesprochen, aber selten mit ihnen. Ziel unseres Projektes ist es, durch Gespräche mit Russlanddeutschen diese Meinungsvielfalt aufzuzeigen. Individuelle Geschichten sollen die Darstellung als eine geschlossene Gruppe aufbrechen. Dabei bringen unsere Interviewpartner*innen unterschiedliche Erfahrungen zur Migrationsgeschichte und Sichtweisen zu Politik mit.

Wer ist eigentlich #russlanddeutsch?

Russen, Deutsche, Russlanddeutsche – wer ist wer, und ist das wichtig? In der öffentlichen Debatte passiert es schnell, dass die drei Begriffe vermischt oder verwechselt werden. Tatsächlich macht es aber einen Unterschied, der hier verständlich gemacht werden soll.

Wenn ein Mensch sich als „russlanddeutsch" bezeichnet (oder bezeichnet wird), bezieht sich dieser Begriff auf einen ganz bestimmten familiengeschichtlichen Kontext. Die ersten deutschen Siedler*innen kamen bereits im 18. Jahrhundert ins Zarenreich, um dort in dünn besiedelten Gegenden eigene Siedlungen zu gründen. Ihre Nachfahren lebten für Generationen in diesen ethnisch und religiös homogenen Orten, erfuhren ab 1937 jedoch die erste Aktion zur Zwangsumsiedlung. Nach dem Überfall der Wehrmacht 1941 wurden mehrere Hunderttausend deutschstämmige Menschen aus ihren angestammten Heimatorten nach Zentralasien und Sibirien zwangsdeportiert. Bis zum Ende der Sowjetunion durchlebten sie gezielte Benachteiligung und Schikane durch den Staat.

Viele Russlanddeutsche, die nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 in die Bundesrepublik migrierten, hatten ein ausgeprägtes Bewusstsein für ihre deutsche Familiengeschichte und ihre besondere Identität. Doch das „Deutschtum" ist nicht der eigentliche Grund dafür, dass seit 1991 rund 2,5 Millionen Russlanddeutsche nach Deutschland immigriert sind. Diese „Spätaussiedlung" geschah und geschieht auf Grundlage des Bundesvertriebenengesetzes von 1953, das Russlanddeutsche aus der Sowjetunion als Kriegsfolgengeschädigte anerkennt und ihnen nach Jahrzehnten der Repression die Einwanderung nach Deutschland ermöglicht.

Doch die Entscheidung für ein Leben in Deutschland löste nicht nur alte Probleme, sondern brachte auch neue mit sich. Die sprachliche Barriere, die Nichtanerkennung von Berufsqualifikationen, nicht zuletzt das andere gesellschaftliche Leben als in der Sowjetunion, machten es vor allem der älteren Generation schwer, in Deutschland ein neues Zuhause zu finden. Bis heute sind Identität und Selbstverortung wichtige Fragen für Russlanddeutsche – die lange Zeit nicht in der deutschen Öffentlichkeit diskutiert wurden.

Eine spannende Sammlungen von Artikeln zu Russlanddeutschen und ihrer Vergangenheit bietet das detailreiche Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung.