Vanessa

Vanessa wohnt in einem Dorf in der Nähe von Bielefeld und arbeitet als technische Zeichnerin. Die Eltern der 26-Jährigen und ihre sieben Geschwister stammen zwar aus der ehemaligen Sowjetunion, sie selbst ist allerdings in Deutschland geboren und aufgewachsen. Für Vanessa sind Fragen des gegenseitigen Verstehens wichtig - nicht nur zwischen Deutschen und Russlanddeutschen, sondern auch zwischen den Generationen.

Vanessa, du bist schon in Deutschland geboren, aber deine Eltern sind Deutsche aus der ehemaligen Sowjetunion. Wie siehst du dich – als eher deutsch, russlanddeutsch, als etwas anderes?

Meine Eltern haben immer viel Wert darauf gelegt, mir zu sagen, dass ich Deutsche bin, weil ich in Deutschland geboren bin und unsere Vorfahren ja auch Deutsche waren. Aber ich habe mich immer als Russlanddeutsche gesehen, weil ich als Kind nicht so gut Deutsch gesprochen habe und weil es bei uns zuhause Pelmeni zu essen gab und solche Sachen. Ich hab mich nie komplett als Deutsche gesehen, sondern eher als Russlanddeutsche, auch wenn ich da nie gelebt habe.

Du hast auch gesagt, dass du Probleme mit der Sprache hattest. Lag das daran, dass deine Eltern mit dir zuhause nur gebrochenes Deutsch gesprochen haben oder nur Russisch?

Als ich ein Kind war haben meine Eltern nie Russisch gesprochen, aber eben auch kein perfektes Deutsch. Deswegen habe ich beim Sprechen viele Fehler gemacht. Aber ich selbst spreche gar kein Russisch. Das finde ich richtig schade. Aber wenn ich mit meinem Vater rede, verstehe ich ihn. Für meinen Vater ist es leichter, wenn er Russisch spricht, und dann unterhalten wir uns so, dass er Russisch spricht und ich Deutsch.

Wie war es dann in der Schule, wurdest du als Russlanddeutsche oder als Russin bezeichnet oder war das den anderen egal?

Ich war auf einer christlichen Schule in Detmold und ich hatte fast nur Russlanddeutsche in meiner Klasse. Unter den Lehrkräften waren aber mehr Deutsche als Russlanddeutsche. Eigentlich wurde darüber aber gar nicht geredet.

Findest du, dass Russlanddeutsche in Deutschland angekommen sind oder sind sie eher eine separate Gruppe, die gar nicht so richtig wahrgenommen wird?

Ich denke schon, dass sie wahrgenommen werden, oft negativ. Wir kapseln uns schon ab und ich kann auch verstehen warum. Wenn ich an die Generation meiner Eltern denke, die davon leben mussten, dass sie sich so abgekapselt haben, damit sie überhaupt ihre Sprache weiter sprechen und ihren Glauben leben konnten. Sie sind es einfach gewohnt, sich abzusondern und haben nie etwas Schlechtes darin gesehen. Ich glaube nicht, dass sie das gemacht haben, weil sie sich nicht wohl gefühlt haben, sondern weil es normal für sie war. Ich bin schon in einer russlanddeutschen Blase aufgewachsen, was ich aber noch nie als negativ empfunden habe.

Gerade im Vorfeld der Bundestagswahl gab es im letzten Jahr eine breite Berichterstattung über Russlanddeutsche, die sie häufig als rechtsorientierte AfD-Wähler*innen, als vom politischen Mainstream abgeschottet darstellen. Was ist da dran?

Ich glaube, einfach dadurch, dass Russlanddeutsche recht kritisch sind, werden sie direkt als rechts abgestempelt. Das finde ich schade, denn ich kenne zwar einige Leute, die in die rechte Richtung gehen, aber noch lange nicht so rechts, wie es dargestellt wird. Wenn ich lange mit solchen Menschen rede, merke ich, dass sie gar nicht rechts sind, dass sie eigentlich alles daran falsch finden. Aber sie sind auch linker Politik gegenüber sehr kritisch und deswegen klingt es oft so, dass sie politisch rechts stehen, nur weil sie linke Positionen infrage stellen. Ich habe das Gefühl, dass solche Menschen nicht weiter gefragt werden; dass nur so ein paar Sätze von ihnen genommen werden und sobald etwas Merkel-kritisches kommt, sind sie sofort AfD-Anhänger*innen.

Was glaubst du, woher diese Kritik gegenüber linker Politik kommt?

Ich glaube einfach, dass die Generation meiner Eltern – meine Eltern sind so 65, 70 – es gerade durch ihre Vergangenheit einfach gewohnt ist, dem Staat nicht zu vertrauen und nicht einfach das zu glauben, was sie in den Medien liest. Und sie kommt nicht klar damit, dass die jüngere Generation überhaupt nicht so kritisch ist. Da versuchen die Älteren manchmal ein bisschen provokant zum Nachdenken anzuregen, vor Blauäugigkeit zu warnen, und dann wirkt es auf die jüngere Generation schnell total rechts. Ich glaube, meine Eltern wollen einfach mal über Politik reden, ohne direkt in rechts und links einzuordnen. Die Generation meiner Eltern ist nicht nur links gegenüber kritisch, sie ist Allem gegenüber kritisch, nur bei links wird das dann als schlecht angesehen.

Glaubst du, dass das ein Generationenunterschied ist zwischen den Menschen, die noch in der Sowjetunion sozialisiert und aufgewachsen sind und denen, die das nicht mehr mitbekommen haben?

Auf jeden Fall. Die sind ja in einer ganz anderen Umgebung aufgewachsen und in ganz anderen politischen Verhältnissen, und haben sich, wenn ich von meinen Eltern so höre, sehr viel mehr mit Politik auseinandergesetzt als die meisten Leute, die ich heute kenne. Das ist auf jeden Fall ein großer Unterschied. Und das wird auch immer der Bruch zwischen mir und meinen Eltern sein, weil ich das gar nicht kenne, womit sie aufgewachsen sind und nicht weiß, wie die Verhältnisse sie damals beeinflusst haben. Ich versuche das zu verstehen, aber da wird halt immer dieser Bruch sein.

Siehst du diesen Bruch auch bei anderen Freunden oder Familien mit russlanddeutscher Herkunft?

Ich sehe gerade bei Leuten in meinem Alter, die schon in Deutschland geboren sind, dass die Probleme haben ihre Eltern zu verstehen oder sie auch mal ausreden zu lassen. Wenn die meisten anfangen sich für Politik zu interessieren und sich dann mit ihren Eltern unterhalten, wird ihnen sofort klar, dass die Aussagen ihrer Eltern das sind, was in den Medien rechts genannt wird. Da kriegen sie Angst und wollen sich nicht weiter damit auseinandersetzen. Viele bleiben dann lieber mit ihren Eltern auf einer anderen Ebene, an der Oberfläche. Es ist auch nicht einfach, sich dem zu stellen, weil man dazu selbst politisch und ethisch bewandert sein muss. Ein paar aktuelle Artikel und Blogeinträge lesen reicht leider nicht für tiefe Diskussionen. Da muss man auch selbst kritisch reflektieren und sich mit seinen Eltern auf Augenhöhe auseinandersetzen, und das vermeiden viele. Ich vermeide das auch oft.

Denkst du, dass die ältere Generation nicht nur von ihren eigenen Kindern, sondern auch in der medialen Darstellung nicht ernst genommen wird?

Ja, weil ich das Gefühl habe, dass in der medialen Darstellung eigentlich nicht die Generation meiner Eltern gefragt wird, sondern immer nur deren Kinder. Es ist so ein bisschen Stille Post: Was denken die Kinder, was ihre Eltern denken? Aber darauf kann man gar nicht bauen, weil Kinder ihre Eltern natürlich gar nicht neutral, objektiv einschätzen können, da sind immer starke Emotionen mit im Spiel. So wird das aber zum größten Teil gemacht, weil die Generation meiner Eltern sofort das Gefühl hatte, nicht ernst genommen zu werden und nicht gefragt werden wollte. Durch das ganze Stille-Post-Spiel wird gar nicht wirklich klar, was die Generation meiner Eltern denkt. Ich glaube, dass sie sofort dicht machen, wenn sie das Gefühl haben, dass sie nicht kritisch sein dürfen. Sie fänden es schön, wenn sie kritisch sein könnten, ohne direkt als rechts abgestempelt zu werden.

Wie stehst du zu medialen Darstellung Russlands in Deutschland?

Da habe ich keine feste Meinung zu, aber mein Bruder liest viele verschiedene Medien, auch aus anderen Ländern, da kommen manchmal auch sehr unterschiedliche Meinungen vor. Mein Vater zum Beispiel guckt viele russische Medien, was in Deutschland ja gleich als Propaganda gesehen wird. Wenn ich mit ihm dann darüber rede, merke ich, dass in russischen und deutschen Medien viele Dinge ganz anders dargestellt werden, und das wundert mich schon. Man kann ja nicht nur seine „eigenen" Nachrichten lesen, sondern muss auch mal was anderes lesen, um eine Meinung haben zu können und sich nicht nur einseitig beeinflussen zu lassen und da ich das nicht tu, kann ich mich nicht dazu äußern.

Du hast gesagt, dass du in einer Art russlanddeutschen Blase groß geworden bist. Lebst du immer noch in dieser Blase oder hat sich das verändert?

Es hat sich schon verändert. Ich hatte eine Zeit, wo ich "ausgebrochen" bin und ich habe dann woanders gelebt und andere Leute kennengelernt. Meine Freunde sind nicht nur Russlanddeutsche, das ist ganz durchmischt - meine drei besten Freundinnen sind Deutsche. Doch ich bin in einer russlanddeutschen Kirchengemeinde, ich lebe wieder in dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin und wo auch wieder alle meine russlanddeutschen Freunde und Verwandten wohnen. Ich bin aber reflektiert wieder zurückgegangen und stelle mich dem ganz bewusst, denn wenn alle, die kritisch denken, direkt diese Kreise verlassen, anstatt zu bleiben und an der Gemeinschaft zu arbeiten, wird das nie etwas werden. Aber es war schon lange Zeit nicht einfach, mit Deutschen in Kontakt zu treten, mit Deutschen ist es für viele Russlanddeutsche manchmal etwas schwierig; sie sind es gewohnt, sich abzugrenzen und sehen daran nichts Falsches. Ich denke auch, Deutsche haben manchmal auch ein Problem damit, sich mit Russlanddeutschen gut zu verstehen. Für mich ist das heute keine großes Thema mehr, aber ich kenne Leute in meinem Alter, die es mit Deutschen echt schwierig finden.

Du hast mehrmals die russlanddeutsche Kirchengemeinde angesprochen – wie wichtig ist dir Religion in deinem Leben?

Für mich ist das sehr wichtig. Ich würde es noch nicht einmal Religion nennen, sondern meine Beziehung zu Jesus, die ich in meiner Gemeinde ausleben kann, die aber nicht von meiner Gemeinde abhängig ist. Und das ist wirklich wichtig. Ich bin christlich aufgewachsen, aber ich habe meine Zeit gebraucht, in der ich alles blöd fand. Ich habe mich krass mit meiner Gemeinde gestritten. Diese Zeit zu haben, wo ich das alles blöd finden durfte, war wichtig für mich. Ich erinnere mich an eine Sache, das war kurz vor meiner Taufe. Da habe ich mit einem Gemeindeältesten gesprochen und ihm alles vorgeworfen warum ich auf keinen Fall in diese Gemeinde will und er sagte: „Ja, du hast Recht. Willst du nicht trotzdem in die Gemeinde?" Mir war nie bewusst, so doof es klingt, dass die Gemeindeleiter auch kritisch gegenüber Vielem sind, was in der Gemeinde läuft und das hab ich gebraucht, um zu verstehen, dass ich gar nicht irgendwo sein muss, wo es perfekt ist, sondern dass ich mitarbeiten muss, damit es besser wird.

Interview und Text von Simon.

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