Regina

Regina arbeitet als Rehabilitationsberaterin bei der Agentur für Arbeit in Bonn. Sie wurde in Almaty, der ehemaligen Hauptstadt Kasachstans, geboren und kam 1990 mit ihrer Familie nach Deutschland. Als politisch interessierter Mensch macht sie sich Sorgen über das Bild der Russlanddeutschen in der Gesellschaft und fragt sich, wie es dazu kommen konnte.

Wenn du dich jetzt festlegen müsstest, würdest du dich als Russin, als Deutsche, als Russlanddeutsche oder als jemand ganz anderes verstehen?

Ich wurde in dem Bewusstsein erzogen, das wir Deutsche sind, deutsche Nationalität haben. Ich komme jetzt nicht gerade aus einer deutsch geprägten Gegend, wir haben halt in einer Millionenstadt gewohnt. Trotzdem haben meine Eltern aber immer Wert darauf gelegt, dass wir uns als Deutsche begreifen, daher fühlte ich mich schon immer als Deutsche, und das hat sich in Deutschland auch nicht geändert. Je nach Kontext fühle ich mich dann auch als Russlanddeutsche, aber grundsätzlich gesagt fühlte ich mich schon immer deutsch.

Du kommst eigentlich aus Kasachstan, das heißt, du bist in dem Sinne keine „Russlanddeutsche". Wie siehst du das wie nimmst du diesen Begriff wahr?

Ich bin da relativ entspannt. Ich meine, man kann jetzt auch tatsächlich nicht annehmen, dass jeder Deutsche, dem man gegenüber steht, alles einzuordnen weiß. Ich hatte aber immer ein Problem damit, wenn sich Russlanddeutsche als Russen vorgestellt haben. Da hab ich immer eingriffen und gesagt: „Du bist kein Russe, und ich bin keine Russin, also hör auf damit." Ich bin Deutsche.

Ich finde auch Russlanddeutsche ist ein geläufiger Begriff, der ist mir fast lieber als Aussiedler oder Spätaussiedler, das klingt alles so nach Behördensprache. Solange es nicht bedeutet, dass ich auf Russland reduziert werde, finde ich das vollkommen in Ordnung. Ich meine, die eine kommt aus Kirgistan, der andere kommt aus der Ukraine, wie sollten wir uns da nennen?

Wie war es als du mit deiner Familie nach Deutschland kamst, gab es da Schwierigkeiten mit der Integration?

Ja, die üblichen Schwierigkeiten, die viele hatten. Meine Eltern mussten sich neue Berufe suchen, weil ihre Ausbildung hier nicht anerkannt wurde. Für meinen Vater war es wirklich schlimm, mitzuerleben, dass er hier plötzlich der Russe war. In seiner Familie war das Deutschsein sehr wichtig, das hatte ihn sehr geprägt. Für uns war es am Anfang dann auch nicht zu verstehen, dass wir hier gar nicht als Deutsche, sondern als Russen angesehen wurden. Ansonsten ist es dann mit dem Integrationsprozess ganz gut verlaufen. Meine Schwester und ich sind in die Schule gekommen, meine Eltern haben dann neue Berufe erlernt, das ging dann später schon alles. Mit den üblichen Anfangsschwierigkeiten natürlich.

Würdest du sagen, dass Politik für dich oder in deiner Familie eine große Rolle spielt?

Ja, weil meine Eltern, besonders mein Vater, sehr politische Menschen sind und Politik bei uns im Elternhaus immer eine große Rolle gespielt hat. Ich habe immer mitbekommen, wie viel diskutiert wurde, darum ist Politik für mich immer wichtig gewesen und nimmt auch heute einen großen Raum ein. In meinem Bekanntenkreis sind die meisten jetzt zwar nicht unbedingt politisch engagiert, aber viele, die ich kenne, sind auch politisch interessiert und verfolgen die aktuellen Entwicklungen.

Und bist du in einer Partei aktiv?

Ich bin in keiner Partei, aber wenn auf Facebook die Diskussionen um die AfD und Ähnliches losgehen, beziehe ich eine klare Position.

Gerade im Zuge der Bundestagswahl wurde häufig darüber berichtet, dass Russlanddeutsche der AfD besonders nahe stehen würden. Wie nimmst du das wahr?

Ich empfinde es schon so, dass in den deutschen Medien die Russlanddeutschen AfD-nah dargestellt werden. Vielleicht stimmt das in manchen Wahlkreisen auch. Aber mittlerweile wurde ja statistisch bewiesen, dass die AfD unter den Russlanddeutschen gerade mal 15% der Stimmen erhalten hat, das ist nur wenig mehr als im Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Insofern glaube ich, dass da medial ein verzerrtes Bild entstanden ist, was mich persönlich auch sehr stört. Ich selbst kenne kaum Russlanddeutsche, die der AfD nahe stehen.

Aber woher kommt dann dieses mediale Bild?

Nun, mir ist natürlich nicht entgangen, dass die AfD in den Russlanddeutschen ihre Lieblingsmigranten gefunden hat. Leider glauben ja viele Menschen, dass die AfD die integrierten Migranten akzeptieren würde. Ich denke, dass auch einige Russlanddeutsche mittlerweile das Gefühl haben, dass die konservativen Werte in Deutschland nicht mehr so geschätzt werden, dass da so eine Sehnsucht nach völkischer Homogenität entstanden ist. Ich frage mich, wie es dazu kommen konnte, dass ausgerechnet meine Landsleute, die ich immer für vernünftig, besonnen und warmherzig gehalten habe, jetzt starke Affinität zu einer nationalistischen Partei hegen, deren Agenda klar von Hetze, Hass und Aggression geprägt ist. Ich tu mich schwer mit einer plausiblen Erklärung, zumal vor dem Hintergrund der eigenen Migrationserfahrung und der Herkunft aus einer multikulturellen Gesellschaft in der ehemaligen Sowjetunion. Wenn ich dann mitbekomme, wie viel Unterstützung für die AfD auch von Deutschen aus Russland kommt, da packt mich manchmal wirklich die Wut. Dadurch entsteht auch dieses verheerende Bild, das nicht nur die ganze erfolgreich verlaufene Integration zunichte macht, sondern auch das Vertrauen zerstört und zu einer Entfremdung von der deutschen Mehrheitsgesellschaft führt.

Du findest also schon, dass es in der russlanddeutschen Community einen Rechtsruck gegeben hat. Wie kommt das?

Ich habe den Eindruck, dass bei vielen auch ein gewisser Neid da ist, weil viele, die damals nach Deutschland kamen, sich viel erkämpfen mussten und jetzt das Gefühl haben, dass den Flüchtlingen, die herkommen, quasi alles geschenkt wird. Für mich ist es schon paradox, dass viele denken, sie seien die echten Deutschen und dass Deutschland jetzt vollkommen überfremdet würde. Das finde ich schwer verständlich, weil viele in den 1990er Jahren auch aus wirtschaftlichen Gründen hierher gekommen sind. Damals war ich eher verwundert, dass sich so wenige tatsächlich mit dem Deutschsein auseinandergesetzt haben oder sich auch als Deutsche begriffen haben. Daher ist diese Wandlung von „Wir sind Russen und kommen nach Deutschland" zu „Wir sind Deutsche, die Deutschland beschützen müssen" für mich nicht nachvollziehbar. Wobei ich auch ganz viele kenne, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren und ganz andere Meinungen vertreten.

Also kann sich die AfD mit ihrer harten Kritik an der Flüchtlingspolitik bei diesen Menschen gut positionieren.

Ich denke schon, dass die AfD für viele Russlanddeutsche eine anti-muslimische Partei ist, und dass für viele Russlanddeutsche der Islam und Muslime und Flüchtlinge an sich schon etwas Bedrohliches darstellen. Da fallen dann andere Punkte hintenüber. Ich glaub nicht, dass sich jemand ernsthaft Gedanken macht, was die AfD für ein Rentenkonzept zur Verfügung stellt. Muslime und Flüchtlinge sind vielleicht einfach nur ein Ableiter für persönliche Schicksale, für Menschen, die sich in Deutschland nie angenommen gefühlt haben. Da bahnt sich der Frust dann seinen eigenen Weg.

Meinst du, russische Medien haben einen gewissen Einfluss auf die Wandlung dieser Leute?

Ja, das denke ich auf jeden Fall. Ich persönlich konsumiere keine russischen Medien, aber ich bekomme auch mit, dass das bei vielen anders ist. Ich bin durchaus der Meinung, dass russische Medien nicht neutral berichten und ich sehe, dass manche Aussiedler diese Nachrichten für bare Münze nehmen. Ich glaube daher schon, dass die russischen Medien tatsächlich eine große Rolle spielen.

Ist das ein Grund, warum Menschen, die immer wieder ihr Deutschsein betonen, dann große Sympathien für Russland hegen?

Ich denke, von der „älteren Generation" könnte man behaupten dass sie persönlich nie angekommen ist. Da kenne ich persönlich Menschen, die auch bis heute kaum der deutschen Sprache mächtig sind und sich dann auch sehr in ihr persönliches Umfeld zurückziehen. Ältere Russlanddeutsche neigen dazu, sehr in ihrer eigenen Homogenität zu leben. Das kann man jetzt von der jüngeren Generation nicht mehr so behaupten.

Ich selbst bin aus meiner Heimatstadt Paderborn weggezogen. Da war es so, dass in den 1990ern sehr viele Aussiedler in der Stadt waren, da ergab es sich, dass die meisten Aussiedler unter sich blieben. Ich will nicht behaupten, dass diese Menschen nicht integriert sind, die haben natürlich ihre Arbeit, ihre Ausbildung oder ihr Studium. Aber die meisten finden sich doch in homogenen Cliquen wieder, wo man sich gerne Meinungen bestätigt und sich in Dinge reinsteigert.

Viele Russlanddeutsche kommen ja aber aus Kasachstan oder anderen Ländern in Zentralasien mit einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung.

Wie gesagt, es ist für mich paradox. Ich weiß ja, dass viele mit sehr vielen verschiedenen Nationalitäten zusammengelebt haben. Aber damals war der Islam nicht so stark ausgeprägt und wurde öffentlich kaum wahrgenommen. Ich denke, dass das eine selektive Wahrnehmung ist: „Die Syrer und Afghanen sind eine Bedrohung für uns, aber der Kasache, der früher nebenan wohnte, der ist in Ordnung". Das ist eine Haltung, die mich wirklich traurig macht.

Das Interview führte Heinrich. Text von Simon.

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