Nadine

Nadine ist 24 Jahre alt und studiert Wirtschaftswissenschaften in Hannover. Sie wurde in Uchta, im Norden Russlands, geboren und kam im Jahr 2000 mit ihrer Familie nach Deutschland. Im Rahmen ihres Studiums hat sie einige Zeit in Moskau und St. Petersburg verbracht. Vor Ort konnte sie keine Verschlechterung des deutsch-russischen Verhältnisses feststellen, da sie stets freundlich und offen empfangen wurde. Hier in Deutschland hingegen hat sie schon das Gefühl, dass man, seit der Krim-Annexion, Personen aus Russland misstrauischer gegenüber steht.

Würdest du dich selber als Deutsche, Russin oder Russlanddeutsche bezeichnen?

Dies ist eine sehr schwierige Frage für mich, da es von den Kriterien abhängt an denen man die Bezeichnung festmacht. Jedoch würde ich sagen, dass ich mich eher als eine Deutsche fühle, da ich schon sehr durch die deutsche Kultur geprägt wurde. Trotzdem habe ich durch meine Eltern und meine Verwandten ein wenig der russischen Mentalität beibehalten.

Hatte deine Familie Schwierigkeiten sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren?

Ich würde sagen, dass die ersten Jahre schon schwer waren. Man muss dazu sagen, dass wir vergleichsweise spät nach Deutschland kamen und ein Teil unserer Verwandtschaft bereits hier lebte. So konnten sie uns bei der Integration helfen, wie beispielsweise dem Papierkram, Behördengängen und dem Finden einer Wohnung. Aber dadurch, dass meine Oma die richtige Deutsche war, war sie auch diejenige, die als letzte ihrer Generation Deutsch sprach; meine Eltern haben Deutsch nur in der Schule gelernt, was nicht vergleichbar ist. Zu Beginn gab es eine große sprachliche Barriere. Hinzu kam, dass die Abschlüsse meiner Eltern nicht anerkannt wurden und beide eine Umschulung machen mussten. Meine Mutter war damals 30 und mein Vater 35 Jahre alt: Man kann sich vorstellen, wie kompliziert es sein kann mit einem jungen Kind noch einmal eine 3-jährige Ausbildung machen zu müssen. Dementsprechend ist nicht alles so einfach verlaufen, wie man es sich gewünscht hätte.

Für viele war die Krim-Annexion ein Wendepunkt dafür, wie über Politik gesprochen wird. Spielt Politik in deiner Familie eine große Rolle?

Natürlich wurde die Krim auch thematisiert, aber nicht mit irgendeiner Befürwortung einer bestimmten Seite. Es wurde eher über die Tatsachen und Folgen diskutiert. Meine Eltern versuchen eigentlich immer alles objektiv und distanziert zu betrachten. Insgesamt nimmt Politik auch keinen wichtigen Teil im Leben meiner engeren Verwandten ein. Man verfolgt zwar das aktuelle politische Geschehen, großartig debattiert wird darüber jedoch nicht.

Konsumierst du oder Personen in deinem Umfeld russische Medien?

Ich für meinen Teil nicht, aber meine Eltern und Verwandten sowie einige meiner Freunde schauen sich ab und zu die russischen Tagesnachrichten an. Dabei ist es vor allem die ältere Generation meiner Bekannten, die eher den russischen Medien Glauben schenkt. Die jüngere Generation vertritt überwiegend die Meinung, dass die deutschen Medien objektiver berichten.

Denkst du an der medialen Berichterstattung über Russlanddeutsche als typische AfD-Wähler*innen ist etwas dran?

Tatsächlich muss ich sagen, dass ich in meinem russlanddeutschen Umfeld mitbekommen habe, dass verstärkt die AfD gewählt wurde. Insbesondere die Konservativen unter ihnen – Russlanddeutsche die bei der Wahl von der CDU zur AfD gewechselt sind. So kann ich, zumindest was ich so von meinem Umfeld mitbekommen habe, die Berichterstattung leider bestätigen.

Ich vermute dies ist dadurch zu Stande gekommen, dass sich viele ungerecht behandelt gefühlt haben in Bezug auf Themen wie der Rente oder dadurch, dass die gewünschte Unterstützung fehlte, als man einst selber nach Deutschland kam. Viele waren damals auf sich alleine gestellt und hatten keine Möglichkeit ihre Abschlüsse anerkennen zu lassen. Sie mussten noch einmal studieren, mussten noch einmal von vorne anfangen und das ist natürlich alles nicht so einfach, wenn man in den späten 20er bis 40er Jahren ist. Und im Vergleich zu der heutigen Zeit ist der Umgang und die Situation mit den Flüchtlingen anders. Man hat das Gefühl, dass in Deutschland ein Prozess des Umdenkens stattgefunden hat – das aber leider gute 20 Jahre zu spät. Meiner Vermutung nach ist es schon so, dass es nun mehr finanzielle Möglichkeiten seitens des Staates für Flüchtlinge gibt, als es damals für die Russlanddeutschen gab. Viele fühlen sich dadurch benachteiligt und fragen sich, woran es liegen kann, dass man damals anders behandelt wurde, als die Menschen, die heutzutage zuwandern.

Findest du, dass Russlanddeutsche von den Medien unfair dargestellt wurden?

Ich finde schon, dass die Darstellung unfair war, denn wie bei Allem anderen, darf auch diese Gruppe nicht pauschalisiert werden. Nur weil es einen Teil der Russlanddeutschen gab, die die AfD wählte, bedeutet es noch nicht, dass alle Russlanddeutschen so rechts-konservativ einzuordnen sind. Es sollte auf gar keinen Fall so dargestellt werden, denn auch unter den Russlanddeutschen gibt es stark differenzierte Meinungen, sowohl links- als auch rechtsorientierte Personen.

Das Interview führte Heinrich. Text von Viktoria.

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