Irina

Irina ist 35 Jahre alt und wurde in Astana geboren. Nach Deutschland kam sie im Jahr 1992 und ist mittlerweile wohnhaft in Mannheim, wo sie als freiberufliche Journalistin und Kommunikationsberaterin tätig ist. In ihrer alten Heimat Kasachstan war sie seit dem Umzug nach Deutschland erst zweimal, denn der Großteil der Verwandtschaft ist ebenfalls in den 90er Jahren nach Deutschland umgesiedelt. Ihr Interesse an Kasachstan entwickelte sich erst nach dem Abitur, als Irina mit Bedauern merkte, dass sie allmählich die russische Sprache vergaß und sich folglich für ein Studium der Slawistik und Romanistik entschied. Im jugendlichen Alter war das Interesse für Kasachstan zweitrangig. Sie wollte eher weniger darüber sprechen, wo sie eigentlich her kommt, als sich voll zu integrieren und als Deutsche betrachtet und akzeptiert zu werden.

Würdest du dich selber als Deutsche, Russin, Russlanddeutsche oder irgendetwas dazwischen bezeichnen?

Diese Frage habe ich mir erst kürzlich selber gestellt und ich bezeichne mich als Russlanddeutsche. Den Begriff finde ich passend und verbinde damit auch nichts Negatives. Am ehesten bin ich jedoch eine Deutsche aus Kasachstan. Denn Russlanddeutsche sind ja auch nicht alle gleich: Es gibt Russlanddeutsche aus Russland, Kasachstan, Usbekistan und die wiederum stammen auch aus unterschiedlichen Regionen, wie z.B. die Kaukasus- und Wolgadeutschen oder diejenigen aus Wolhynien, woher auch meine Familie stammt. Vielen ist nicht bewusst, dass diese Gruppen auch untereinander wenig Berührungspunkte hatten. In Deutschland werden die Russlanddeutschen alle in einen Topf geworfen; die großen Unterschiede zwischen den verschiedenen Gruppen sind den wenigsten bekannt. Der Begriff Russlanddeutsche umfasst viele unterschiedliche Gruppen, was für mich in Ordnung ist, doch am ehesten würde ich mich als eine Deutsche aus Kasachstan bzw. eine Wolhyniendeutsche betrachten, also eine Deutsche aus der Region, die die Herkunft meiner Großeltern bezeichnet.

War es für deine Familie schwierig in der deutschen Gesellschaft Fuß zu fassen?

Ich denke diese Frage würde jede Generation anders beantworten. Meine Eltern sowie meine ältere Schwester haben andere Erfahrungen gemacht als ich. Meine Schwester war 16 als wir nach Deutschland kamen und musste als Jugendliche ihren Freundeskreis aufgeben. Ich denke auch, dass es für sie schwieriger war die Sprache zu lernen als für mich und meinen jüngeren Bruder. Wir konnten Deutsch schon von Zuhause aus und ich würde behaupten, dass wir nach einem Jahr schon unauffällig waren – wir sprachen perfekt Deutsch, hatten einen deutschen Freundeskreis. Meine Eltern hingegen haben auch negative Erfahrungen gesammelt. Hier wurden sie von manchen Einheimischen nicht als Deutsche angesehen, sondern als Russen. Ebenfalls wurde der BWL-Abschluss meiner Mutter nicht anerkannt, sodass sie, wie so viele der russlanddeutschen Frauen, nicht in ihrem Beruf arbeiten konnte. Für unsere Eltern war es deutlich schwieriger als für uns Kinder.

Spielt Politik für dich eine große Rolle?

Ich interessiere mich allmählich für Politik, vor allem durch die AfD-Debatte im Zuge der letzten Bundestagswahlen: Ich habe mich einfach so geärgert, dass ich dachte – das kann nicht sein, ich muss auch etwas zu dem Thema beitragen. Ansonsten halte ich Politik für ein schwieriges Thema in russlanddeutschen Familien. Dies gründet darauf, dass einige Mitglieder der Verwandtschaft russische Medien konsumieren und dann auf den vorgefertigten Meinungen des russischen Fernsehens beharren. Mein Ehemann ist Deutscher und immer, wenn wir auf eine Familienfeier gehen, bitte ich ihn darum, nichts Politisches anzusprechen, da es nur zu Ärger führt und man keinen Nenner findet.

Denkst du an der medialen Berichterstattung über Russlanddeutsche als typische AfD-Wähler*innen ist etwas dran?

Ich denke nicht. Meiner Meinung nach muss man kein Russlanddeutscher oder keine Russlanddeutsche sein, um die AfD zu wählen. Es sind einfach Personen, die sich von populistischen Parteien angesprochen fühlen. Es wurde ein Bild gezeichnet, das nicht der Realität entspricht und schon gar nicht dem größeren, bedeutenderen Teil der Russlanddeutschen.

Findet in deinem Bekannten- und Familienkreis sowohl deutsch- als auch russischsprachiger Medienkonsum statt?

Die jüngere Generation, wie mein Bruder und ich, nutzen überwiegend deutsche Medien, gerne auch abseits des Mainstreams, Medien wie Medusa oder Dekoder. Bei meinen Eltern ist es wiederum so, dass sie russische und deutsche Medien konsumieren und dann versuchen sich ihre eigene Meinung zu bilden. Wobei ich schon den Eindruck habe, dass sie dann schnell, wenn es z.B. um die Krim geht, geneigt sind im ersten Moment dem russischen Fernsehen mehr Glauben zu schenken. Was ich persönlich nicht nachvollziehen kann, denn sie haben selber lange genug in der Sowjetunion gelebt, um zu wissen, dass Medien bewusst falsch berichten oder im Sinne von Parteien funktionieren können. Bei ferneren Familienmitgliedern beobachte ich zum Teil eine einseitige russische Mediennutzung. Viele glauben schnell Beiträgen, die z.B. über Whatsapp geteilt werden und offensichtlich nicht der Wahrheit entsprechen. Vor den Wahlen hat mir eine Bekannte einen Beitrag zukommen lassen. Es war ein Beitrag aus dem russischen TV, der über die AfD in Kloppenburg berichtete und russlanddeutsche Familien sowie einen Priester interviewte und insgesamt sehr AfD nah gefärbt war. Seit meiner Nachfrage, ob meine Bekannte nicht auch fände, dass es sich nicht um einen neutralen Beitrag gehandelt hätte, herrscht Funkstille zwischen uns. Das finde ich schon krass. Sowas habe ich eben auch erfahren.

Wie war es für dich als du das erste Mal nach Kasachstan gereist bist?

Es war sehr überwältigend und hat mich emotional stark berührt. Zum Beispiel das Dorf meiner Großeltern zu sehen, das in seiner damaligen Form heutzutage gar nicht mehr existiert. Ich komme aus dem Norden Kasachstans und habe den Eindruck, dass die Natur, die Steppe sich jedes Jahr mehr zurück nimmt. In dem Dorf lebten damals circa 90 Prozent Deutschstämmige, die alle Anfang der 90er Jahre nach Deutschland gingen. Es war spannend das neue Kasachstan kennenzulernen, weil es absolut gar nichts mehr mit dem Kasachstan zu tun hat, welches ich als Kind erlebte, es ist wie ein ganz anderes Land. Die Menschen waren sehr herzlich und fingen zum Teil an auf Deutsch mit mir zu sprechen, weil sie die Sprache einst gelernt hatten. Ich habe mich sehr willkommen gefühlt und finde es schade, dass man sich in Deutschland so wenig für Kasachstan interessiert. Uns verbindet schließlich so viel; es leben so viele Russlanddeutsche aus Kasachstan in Deutschland. Ich habe aber auch das Gefühl, dass die Russlanddeutschen aus Kasachstan selber sich nicht für ihre Heimat interessieren, es scheint, als wollen sie damit nichts mehr zu tun haben.

Denkst du denn, dass man sich in Deutschland überhaupt für die Russlanddeutschen als Gruppe interessiert?

Ich kann nur aus meiner Erfahrung sprechen und ich hatte immer das Gefühl, dass ich willkommen bin. Aber das Interesse an Russlanddeutschen ist mir nicht allzu oft begegnet in meinem Leben. Eventuell liegt es aber auch daran, dass wir als Gruppe so unauffällig sind oder zumindest bis zur negativen Berichterstattung des vergangenen Jahres waren. Ich hatte das Gefühl, dass die letzten zwanzig Jahre niemand über uns gesprochen hatte und auf einmal wird nur noch im Zusammenhang mit der AfD über Russlanddeutsche geredet, was ich als sehr unfair empfinde.

Das Interview führten Heinrich und Simon. Text von Viktoria.

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